„Wie sie Kaffee saufen.“

Der Spiegel zitiert den Helios-Gründer Lutz Mario Helmig am 24.02.2014 mit den Worten: „Gehen Sie doch mal nachmittags in ein Krankenhaus, und besuchen Sie einen Angehörigen, dann sehen Sie das Schwesternzimmer, an dem ein Schild hängt mit der Aufschrift ,Übergabe‘. Wenn Sie die Türe öffnen, sehen Sie, wie sie Kaffee saufen.“

Diese Aussage ist auf viele Weisen unerhört. Bereits die vom Urheber gewählte Diskursebene offenbart mehr über dessen Person und Haltung, als über irgend etwas anderes.

Der Urheber bringt hier nicht nur einen fundamentalen Mangel an Anerkennung für die Leistung von Pflegekräften sondern auch fehlendes Vertrauen oder gar generelles Misstrauen in die Leistungsbereitschaft eigener Beschäftigter zum Ausdruck. Man möchte ihm zurufen: „Mitarbeiter sollten Mitstreiter sein, keine Gegner.“ Allein die Positionierung ist durch die Wortwahl hier sehr klar.

Die gewählte Aussage lässt vor dem geistigen Auge des Hörers oder Lesers ein Bild von Pflegekräften entstehen, die sich hinter verschlossenen Türen verstecken, um sich vor der Arbeit zu drücken und lieber Kaffee trinken, als sich um die anvertrauten Menschen zu kümmern.
Aber nicht nur das. Des Urhebers Pflegekräfte trinken keinen Kaffee, sie saufen ihn.
Ja. Saufen!
Im Duden können wir nachlesen, dass „saufen“ die Flüssigkeitseinnahme von Tieren bezeichnet, das salopp abwertende Trinken in großen, gierigen Schlucken, geräuschvoll und unkultiviert oder auch das Trinken von Alkohol, beispilsweise um sich durch Saufen in einen bestimmten Zustand zu bringen.
Soll diese Wortwahl Pflegekräfte mit Tieren assoziieren? Dazu würde wohl auch die dem Wort „saufen“ innewohnende Bildhaftigkeit des unkultivierten und geräuschvollen Trinkens passen. Soll Pflegekräften vielleicht gar ein genereller Alkoholismus zugeschrieben werden. Ist der Kaffee der Pflegekräfte gar stets mit Alkohol vermengt?

Was soll dieser öffentliche Diskurs unterhalb der Gürtellinie? Warum wählt man solche Bilder und Zuschreibungen? Ist das Ende von Lust und Kraft für einen konstruktiven Diskurs bereits erreicht? Spielt der Weg, die Auswahl und der Einsatz der Instrumente keine Rolle mehr? Soll nun alles erlaubt sein so lange es nur der Zielerreichung dient? Heiligt der Zweck die Mittel? Ist die persönliche Bereicherung der letzte verbliebene Wert?
Offenbart dies nun den Blickwinkel des Urhebers auf Pflegekräfte im allgemeinen, Pflegekräfte im eigenen Unternehmen oder ist dies die von Ihm angestrebte gesellschaftliche Sichtweise von Pflegekräften? Über deren Arbeitsdruck kann Herr Helmig laut Spiegel zumindest „nur ein bisschen lächeln“.

Öffentliche Aussagen haben oft eine Macht, die mit Zaubersprüchen vergleichbar ist. Nicht selten aber findet sich der Sprecher in der Rolle Goethes Zauberlehrlings wieder.

Ich schließe den Beitrag mit zwei kurzen Zitaten die man Johann Wolfgang von Goethe bzw. Wilhelm Busch zuschreibt. Welches (besser) passt kann jede(r) selbst entscheiden:

„Durch nichts bezeichnen die Menschen mehr ihren Charakter als durch das, was sie lächerlich finden.
Johann Wolfgang von Goethe

„Dumme Gedanken hat jeder, aber der Weise verschweigt sie.“
Wilhelm Busch

Ein interessanter Beitrag zu diesem Kommunikations-Fail findet sich auch hier.

Quelle: Pflegepuls

3 Gedanken zu „„Wie sie Kaffee saufen.“

  1. Enibas Gnunroh

    Ich habe lange genug mit Geschäftsführungen von Krankenhäusern zusammen gearbeitet, um sicher sagen zu können: DIE denken alle so und Herr Helmig (wie dumm ist das denn?) hat es ausgesprochen.
    Wenn das Geld eingeteilt wird, kommen zuerst die Führungskräfte und deren Spielzeuge (teure externe Beratungsfirmen, die null Effekt bringen, teure Technik für die Chefärzte) und der kleine Rest wird unter Pflegekräften, Assistenzärzten etc. verteilt. Das ist naturgemäß nur noch ein kleiner Anteil.

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  2. Franzi

    Vielen Dank für diesen Text – genauso habe ich gedacht, als ich von diesem „Kaffesaufstatement“ gehört habe. Ich kann es leider nicht so gut in Worte fassen, das haben Sie aber jetzt getan!

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  3. Jeanskäfer

    …auch ich habe den Spiegel-Artikel gelesen. War nämlich genau in der Übernahmephase des Krankenhauskonzerns in dem ich seit Jahren auf der „mittleren Führungsebene“ arbeite , der von Fresenius übernommen wurde.
    Nach diesem Spiegelartikel kam (bundesweit) recht schnell eine Stellungnahme von der Konzernzentrale, die deutlich machte, wie sehr sich von dieser Aussage, des (ehemaligen) Heliosgründers, distanziert wird und welche Wertschätzung besonders dem Krankenpflegepersonal gegenüber gebracht wird. Dies ist die eine Seite.
    Ich gebe auch zu, bei der Dienstübergabe Kaffee zu trinken, ich saufe den aber nicht, weil zu heiß und ich nicht mit Verbrühungen des oberen Verdauungstraktes in unsere Notaufnahme gehen möchte….. . Das dies bereits Arbeitszeit ist, sehen viele Patienten und Besucher leider nicht. Auch nicht der Hinweis an der Tür, was dort (oftmals, im für alle einsichtbaren „Glaskasten“ des Pflegestützpunktes) gerade vor sich geht. Vergessen darf man allerdings nicht, daß während der Übergabe oftmals der einzige Zeitpunkt ist, wo man in Ruhe und ohne Hast überhaupt etwas zu Trinken zu sich nimmt, weil man später fast keine Zeit mehr dazu hat, da man nämlich wieder seine Pause mit Arbeit füllen muß…
    Das sogar Ärzte bei ihrer Dienstübergabe Kaffee trinken, soll auch vorkommen – ich hab´s schon gesehen. Diese Berufsgruppe hat Herr H. wohl bei seinen „Inspektionsgängen“ nicht kontrolliert – aber die haben ja auch eine andere Lobby…

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