Wir fesseln unsere Patienten und unser Gewissen

Kennt ihr das, man fixiert und weiß das es nicht gut ist?

In meiner Ausbildung im Einsatz in der Psychiatrie, fand ich Fixierungen im akuten Setting immer sehr spannend. Die Aufregung, die Versuche die Situation anders zu entschärfen und dann doch zu diesem Mittel greifen zu müssen.

Schon hier war mir aber klar, dass die körperliche Fixierung eines Menschen immer ein Grenzgang ist. Ein Grenzgang mit den Persönlichkeitsrechten des Patienten und auch der Kontrolle eigener Aggressionen.

Das Fixieren alter oder pflegebedürftiger Menschen hingegen, war mir immer schon ein Grauen. Eine 80 jährige demente Dame zu fixieren, nur weil sie Tendenzen zum Weg laufen zeigt, leuchtete mir nie ein. Doch ich tat es, ich tat es als Schüler und leider mache ich es heute noch.

Mir sind die Folgen für die Patienten bewusst, leider und das macht es nicht besser. Die körperliche Fixierung verstärkt die Unruhe, nimmt Einfluss auf den eh schon verwirrten Zustand des Geistes und schränkt ihn weiter ein. Tavor, Haldol, Melperon, Atosil alles freudige Helfer der Hilflosen.

Warum ich immer noch fixiere? Weil ich alleine bin oder wir zu wenige sind. Es ist egal ob ich auf einer normalen Station oder der Intensivstation arbeite, es gibt bis auf wenige Ausnahmen immer eine Alternative zur Kreuz- oder Vollfixierung. Eine davon bedeutet Zeit zu haben.

Aber eben diese habe ich nicht. Mir stehen keine Niederflurbetten, Hüftprotektoren oder Gummisturzmatten zur Verfügung. Wenn ich alleine auf der normalen Station in der Nacht aushelfe, liegen hier 30-40 Patienten. Oft bis zu 50% oder mehr pflegebedürftig, also eine Nacht voller Lagerungen. Wie soll ich es schaffen hier allen Patienten gerecht zu werden?

Die Entscheidung ist oft schnell getroffen, zusammen mit der Hauptnachtwache treffen die Fixiergurte ein und sind schnell im Bett eingespannt. Noch schneller liegt dann der Patient in ihnen, um sich ja nicht mehr bewegen zu können. Erschreckend ist, wie sich diese Patienten in den Gurten verändern, wie schnell sie innerhalb von Tagen abbauen und dem Tode entgegen zu rennen scheinen.

Der Grund für die Fixierung ist egal, ob Delir oder Demenz dies interessiert keinen mehr.

Einen Richter informieren, warum denn? Wir lösen die Fixierung doch jeden Tag, dass müssen wir doch nicht? Nur bei dauerhafter Fixierung oder also länger als 72 Stunden?

Schlimm wenn man es besser weiß und das System nicht darauf reagiert.

Das wir mit den oft illegalen Fixierungen Menschen die in einem Delir stecken, zu Pflegefällen machen interessiert keinen.

Die Lösung könnte so einfach sein, aber sie wird nicht kommen. Mehr Personal und Hilfskräfte, mehr Hilfsmittel und Zeit. Zeit die sich auszahlt, wie ich glaube.

So geht es weiter, auch ich fixiere immer wieder Patienten die dies eigentlich nicht erleiden müssten. Meist aus rein wirtschaftlichen Zwängen heraus, der Profit der Kliniken ist in Gefahr wenn wir es anders machen würden. Die wenigen bei denen Fixierungen unumgänglich sind blende ich hier bewusst aus, es ist eine verschwindende Minderheit.

Ich wehre mich ein wenig, auf meine Weise. Verweigere unnötige Fixierungen, spreche die Ärzte auf verwerfliches und falsches Handeln hin. Aber nicht immer ist dies im kalten Prozess der Pflege möglich. Erschreckend auch, wie wenige von uns in einer Fixierung ein Problem sehen. Wie wenige von uns wissen, dass sie sich regelmäßig strafbar machen. Das sie dem Patienten schaden, kein Leid abwenden, sondern viel größeres hervor rufen. Sturzprophylaxe…nein das ist kein guter Grund für eine Fixierung, nicht wenn man sich die Mühe macht und sich das Wissen um Risiko und Möglichkeiten aneignet.

Das die Kolleginnen und Kollegen dies nicht tun, hat viele Gründe. Wer hat in der Pflegefabrik schon Zeit und Lust noch mehr von sich zu opfern um sich fortzubilden. Fortzubilden an Punkten, die in der realen Arbeit dann ja auch mehr Arbeit bedeuten würden.

Also machen wir weiter, wir fixieren sie weiter Eure und unsere Tanten, Mütter, Väter, Großeltern, Geschwister und Freunde.

Ein Gedanke zu „Wir fesseln unsere Patienten und unser Gewissen

  1. a.nurse

    Als erstes möchte ich dazu sagen, dass nicht nur eine dauerhafte Fixierung eine richterliche Anordnung benötigt, sondern auch wenn die Fixierung eine Regelmäßigkeit erlangt… wie z. B. jede Nacht!
    Ich verstehe es vollkommen… als Schülerin stand ich auf der Neurologie mit einem ekligen Gefühl im Bauch daneben, wenn die Patienten mit Weglauftendenz mit einem Bauchgurt fixiert wurden… Heute habe ich vor kurzem in einem Pflegeheim angefangen zu arbeiten und finde verschiedene Maßnahmen der Fixierung wieder OHNE richterliche Anordnung!
    Und das einzige, was ich sehe ist die Hilflosigkeit der Pflegekräfte die Situation ohne Fixierung zu handhaben…..!

    Armes Deutschland…

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