Zur falschen Zeit am falschen Ort.

Vor ca sechs Jahren hatte ich in meinem Nachtdienst zwei Notfälle zur gleichen Zeit.
Innerhalb von Sekunden musste ich mich entscheiden, ob ich zuerst zu Patient A oder Patient B gehe.
Patient A schien sich nur vom Monitor abgebaut zu haben, aber B brauchte dringend Hilfe.
Im Nachhinein stellte sich diese Entscheidung als die falsche heraus,
denn als ich endlich Zeit hatte zu Patient A zu gehen, war diese in der Zwischenzeit verstorben.
Es folgte eine nicht erfolgreiche Reanimation
und der diensthabene Arzt kreuzte unklare Todesursache auf dem Totenschein an.
Die ersten Tage danach waren die schlimmsten.
Die Fragen der Kripo, mein Schockzustand und die Gleichgültigkeit der Kollegen auf Station.
Ich verrichtete meine Arbeit weiterhin, aber wie ein Roboter.
Für meine Familie war diese Zeit auch nicht einfach.
Immer wieder bekam ich Heulkrämpfe, wollte ständig mit meinem Mann darüber reden
oder verkroch mich in mein Bett und wollte niemanden sehen.
Abends bekam ich die Bilder nicht aus meinem Kopf.
Das Entdecken des toten Patienten und die Reanimation.
An Schlaf war nicht mehr zu denken und so fing ich an, abends 3-4 Gläser Wein zu trinken,
um nicht mehr daran zu denken und in einen unruhigen Schlaf zu fallen.
Ein paar Mal versuchte ich mit meinen Stationsärzten oder Kollegen zu sprechen.
Aber ich bekam immer die gleichen Antworten: jeder hat mindestens eine Leiche im Keller und das wird schon wieder.
Mich interessierten aber nicht die anderen „Leichen“, ich fand es geschmacklos und ich war enttäuscht.
Und es wurde auch nicht besser. Familienurlaube und romantische Abende mit meinem Mann habe ich versaut,
weil ich keine Ruhe geben konnte und immer wieder reden wollte.
Ich möchte meinem Mann keine Vorwürfe machen, aber irgendwann wollte
oder konnte er es nicht mehr hören und ich war alleine mit meinem Problem.
Mein Weinkonsum nahm zu. Ich wollte vergessen. Abschalten. Verdrängen.
Schon morgens sehnte ich mich nach dem „in Watte gepackten Zustand“ den ich jeden Abend mit Wein hervorrufen konnte.
Im Laufe der Zeit bekam ich Panikattacken.
Ich hatte Angst vor der Arbeit auf Station. Was wenn ich wieder falsch handelte? Wenn ich etwas übersah?
Manchmal konnte ich keine Tabletten für meine Patienten richten, weil meine Hände so sehr zitterten.
Ich bat dann einen Kollegen. Im erfinden von Ausreden wurde ich ziemlich gut,
wenn es darum ging, warum ich nicht spritzen oder Injektionslösungen aufziehen konnte.
Der Wein wurde mein neuer Freund. Und es reichten irgendwann nicht mehr 3-4 Gläser Wein.
Wenn ich nächsten Tag frei hatte, schoss ich mich abends komplett ab.
Bloß nicht nachdenken. Aber da kreisten im Laufe der Jahre neue Fragen in meinem Kopf :
wann kann ich das nächste mal trinken? Wie verheimliche ich den hohen Konsum vor meiner Familie?
Beschaffen von Alkohol und das heimliche Entsorgen der leeren Flaschen wurde mein Lebensinhalt.
Vielleicht wäre ich schwerst alkoholabhängig geworden, wenn es nicht zu einem Schlüsselereignis gekommen wäre.
Ich hatte einen komplettes Blackout. Ich konnte mich nicht mehr erinnern, was ich am Vorabend gemacht hatte.
Es musste sich etwas ändern. Und das tat ich: von einem Tag auf den anderen hörte ich mit dem saufen auf,
bettelte bei der Krankenkasse um eine Verhaltenstherapie und besuchte die anonymen Alkoholiker.
Zum Glück habe ich noch rechtzeitig die Kurve bekommen und brauchte keinen Entzug.
Aber viel gefehlt hat nicht. In der Therapie arbeite ich jetzt langsam mein Erlebtes auf.
Ein harter Weg. Psychologische Hilfe hätte ich schon viel früher gebraucht.
Das habe ich, meine Vorgesetzen und meine Familie aber nicht erkannt.
Jetzt geht es mir endlich wieder gut und ich freue mich wieder auf meine Arbeit.
Und ich hoffe, dass ich immer die richtige Entscheidung treffe.

Ein Gedanke zu „Zur falschen Zeit am falschen Ort.

  1. snoopylife

    Alsonicht, dass ich hier nur druff hauen möchte, ich finde diesen Blog einen der besten die es gibt zum Thema! Trotzdem noch ne kleine Anmerkungzu deinem letzten Satz – wir machen immer wieder Fehler. Wir müssen nur („nur“!) lernen, damit umzugehen. Und was ich hier so lese – klingt ganz danach, als würde es jemanden sehr starken hier geben, der das auch hinkriegt. Viel Kraft! Snoopy

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